Das Floß der Medusa

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Der Große Saal des Concertgebouw Amsterdam | Foto: Hans Samsom

Manchmal muss man ja auch etwas Verrücktes tun: Etwa an einem Samstagmorgen nach Amsterdam fahren und am Abend wieder zurück. Und warum? Na wegen der ZaterdagMatinee. Vor einem halben Jahr war ich schon mal bei einer ZaterdagMatinee. Die Motivation war, dass ich unbedingt einmal ein Konzert im Conzertgebouw erleben wollte. Da die ZaterdagMatinee, wie der Name schon vermuten lässt, am frühen Nachmittag stattfindet, lässt sich der Trip gut an einem Tag bewerkstelligen. Da die Kartenpreise erschwinglich sind und das Konzertprogramm damals wie heute äußerst interessant war, hieß es nix wie hin.

Eine überdimensionierte Partitur |Foto: Ulrike Schmid

Eine überdimensionierte Partitur |Foto: Ulrike Schmid

Mit „Das Floß der Medusa“ von Hans Werner Henze stand am Samstag eine hölländische Premiere auf dem Programm. Dieses „Oratorio volgare e militare in due parti“, so der Untertitel, wurde in Deutschland erst wenige Male aufgeführt (genau konnte ich es nicht in Erfahrung bringen). Die Uraufführung 1968 scheiterte, dann gab es noch Aufführungen in den Siebzigern und Anfang des 21. Jahrhunderts, so weit ich weiß.

Handlung

Die Handlung geht auf die Havarie eines französischen Schiffes namens Medusa im Jahre 1816 vor der Küste Westafrikas zurück. Damals überlebte die Besatzung und die bessergestellten Passagiere in Rettungsbooten während von den 154 weiteren Menschen an Bord, die auf ein notdürftig gezimmertes Floß verfrachtet wurden, 140 den Tod fanden. Henze machte daraus die fiktive

„[…] gesungene Verlesung des Logbuchs eines in offener See in Havarie befindlichen mit vielen Sterbenden geladenen Floßes. Die Sterbenden sind Menschen der Dritten Welt, Opfer der Herzlosigkeit von Egoisten aus der Welt der Reichen und Mächtigen […]“,

so Henze.

Das Werk lebt von der bi-polaren Struktur des Diesseits und Jenseits. Im Concertgebouw wurde das auch optisch deutlich: Der aus 154 Mitgliedern bestehende Chor, der die Menschen, die sich auf dem Floß befanden, symbolisiert, stand anfangs links. Inmitten des Orchesters stand auf der linke Seite Jean Claude (gesungen vom Bariton Roman Trenkel), der die (Chor-)Stimmen der noch Lebenden anführt, und auf der rechten Seite La Mort (gesungen von der Sopranistin Lenneke Ruiten), welche die (Chor-)Stimmen der Toten empfing. Gesungen wurde übrigens in Deutsch (Noch-Lebenden) und in Italienisch (Toten).

Neben dem Dirigenten saß Charon (Franz Grundheber), der in einem Prolog zunächst erläutert, worum es in dem Stück geht, und erwähnt, dass ein Bezug zum Gemälde „Le Radeau de la Méduse“ von Theódore Géricault hergestellt wird. Im Verlauf der Aufführung trägt er immer wieder die Rahmenhandlung (in Deutsch) vor. Dank Übertitel konnten die Niederländer die Texte auch mitlesen.

Um das Sterben auch bildlich zu verdeutlichen, wechselten im Laufe des Oratoriums die Choristen die Seite, so dass am Ende bis auf die 14 Überlebenden sich alle anderen auf der rechten Seite befanden. So weit zur Handlung. Es gäbe noch unendlich viel mehr dazu zu sagen.

Die Musik ist speziell, auf jeden Fall schwere Kost und dennoch absolut beeindruckend. Mir hat es vor allem die Handlung und die „Dramaturgie“ angetan. Bedauerlich war, dass im Programmheft der Gesangstext zwar in Niederländisch, nicht aber in Deutsch beziehungsweise Italienisch abgedruckt wurde.

Die Reise hat sich auf jeden Fall gelohnt. Schon allein deshalb, weil dieses Werk nur ganz, ganz selten aufgeführt wird, nicht zuletzt auch aufgrund der benötigten Mitwirkenden: 250 waren es im Concertgebouw Amsterdam: Solisten, Radio Filharmonisch Orkest Hilversum, Groot Omroepkoor, Vlaams Radio Koor, Nationaal Jeugdkoor, Nationaal Kinderkoor und Dirigent Markus Stenz.

Ich hätte durchaus nichts dagegen, wenn Markus Stenz und das Radio Filharmonisch Orkest Hilversum dieses Werk auch mal in Deutschland aufführen würden – dann mit deutschen Übertiteln …

 

 

Autor: Orchestrasfan

Ulrike Schmid, im Hauptberuf PR-Specialistin schreibt hier unentgeltlich als Fan des hr-Sinfonieorchesters und anderer Orchester über klassische Musik und Konzerte aus Sicht eines Laien. Von 2014 bis 2017 hat sie als PR-Referentin für den Hessischen Rundfunk gearbeitet. Die hier formulierten Äußerungen sind rein privater Natur und nicht mit dem Orchester(-management) abgestimmt.

2 Kommentare

  1. Der WDR Rundfunkchor Köln führt das Werk zusammen mit den SWR Ensembles am 15.11.2017 im Freiburger Konzerthaus und am 17.11.2017 in der Hamburger Elbphilharmonie auf.

    Interessant dazu auch die Lesung mit Texten von Flüchtlingen im SWR Studio Freiburg am 14.11.2017.

    Camilla Nylund, Sopran
    Matthias Goerne, Bariton
    Peter Stein, Sprecher

    SWR Symphonieorchester
    SWR Vokalensemble
    WDR Rundfunkchor
    Freiburger Domsingknaben

    Dirigent: Péter Eötvös

  2. Liebe Carola,

    danke für die Info. Leider beides Städte, wo ich jetzt nicht unbedingt hinkomme. Hatte ja gehofft, dass es auch in Stuttgart aufgeführt wird. Da käme ich eher hin so während der Woche …

    Schöne Grüße,
    Ulrike

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