Die Stadt als Bühne

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Konrad Graf an seinem Liebglingsschlagwerk, dem Drumset | Foto: Ulrike Schmid

Konrad Graf an seinem Liebglingsschlagwerk, dem Drumset | Foto: Ulrike Schmid

Kommenden Mittwoch, 17. August, findet zum dritten Mal das Open-Air-Konzert des hr-Sinfonieorchesters statt. Ich habe das Konzert zum Anlass genommen, ein Gespräch mit Konrad Graf, dem Solo-Schlagzeuger des hr-Sinfonieorchesters, zu führen über seine musikalischen Anfänge, seine Liebe zum Drumset, seine Funktion und das Besondere am Open-Air-Konzert.

Konrad, seit drei Jahren wird die neue Spielzeit mit einem Open-Air-Konzert eingeläutet. Warst du bei allen dabei?
Ja, beim ersten im Metzler-Park sogar außerdem im Vorprogramm mit hr-Brass als Jazz-Drummer. Das Jazz-Drumset spiele ich auch jetzt wieder bei West Side Story. Das freut mich sehr, weil es meine älteste Liebe im Schlagzeug ist.

Zum Drumset kommen wir gleich noch ausführlicher. Zunächst will ich wissen, wie sich das Open-Air-Konzert für dich als Musiker entwickelt hat? Hast du überhaupt eine Entwicklung festgestellt?
Natürlich – wir haben uns bei den Zuschauern von 4.000 auf 12.000 entwickelt. Ich finde es einfach toll, weil wir als Orchester über lange Jahre im Funkhaus isoliert gewesen sind. Nun gehen wir raus und treffen nicht nur unser Publikum, sondern auch ein großes potenzielles Publikum. Das ist eine Riesenchance! Überhaupt mochte ich Open-Air-Konzerte schon immer.

Unabhängig von der Publikumsentwicklung. Gibt es für dich als Musiker eine besondere Entwicklung, also spürst du etwas Besonderes bei Open-Air-Konzerten?
Es hat etwas Feierliches, gerade auch weil man vor der Skyline der Stadt spielt. Wir haben die Schiffe auf dem Main wahrgenommen. Es ist nicht so ein abgedunkelter Konzertsaal, sondern die Stadt als Bühne. Das finde ich sehr zauberhaft, das ist schon ein besonderes Kribbeln. Open-Air-Konzerte – das sieht man ja auch an den Berliner Waldbühnen-Konzerten – haben immer einen Volksfestcharakter. Die Leute kommen hin, essen und trinken, es ist eine lockere Atmosphäre.

Wir werden fünf Werke hören. Auf welches Stück freust du dich am meisten?
Auf die West Side Story und die Rhapsody in Blue.

Warum?
Das sind die Kinderträume. Ich komme aus einem Haushalt, in dem ganz viel Musik gemacht und ganz traditionelle klassische Musik gehört wurde. Ich habe ganz viel Bach/Mozart/Beethoven aufgesogen. Wenn musiziert wurde, wurde gesungen: Schütz/Schein/Palestrina. Sehr schön, aber auch sehr traditionell. Nachdem ich mich durch diverse Instrumente bewegt habe – Blockflöte, Klarinette – habe ich mir den Traum vom Schlagzeug verwirklicht, als naiver Bub mit zehn, elf Jahren. Jazz war meine große Liebe – ist es bis heute. Dann habe ich zum ersten Mal Gershwin gehört, der sich einfach ganz respektlos Elemente des Jazz einverleibt hat, und genauso Bernstein. Das ist auch das, was die großen Amerikaner einfach können. Sie sind grundsätzlich einfach respektlos und schauen nicht so auf Traditionen und verleiben sich das ein, was sie gebrauchen können. Für mich war das die Verbindung: Klassik, mit der ich aufgewachsen bin, und meine neue Liebe, Jazz.

Eigentlich wollte ich Jazz-Musiker werden. Doch dann als werdender Klassiker war es einfach zauberhaft, im Orchester zu sitzen und Drumset spielen zu können. So oder auch Schießbude nennen wir das, was allgemein als Schlagzeug tituliert wird. Das Jazz-Schlagzeug mit Becken und und Tom-Toms, wie wir es von Rock-Bands kennen. Das Drumset ist meine ganz eigene Liebe. Da benutzt man Arme und Beine. Jeder Schlagzeuger hat sein Instrumentarium, für das er wirklich brennt. Wir haben einen Kollegen, der brennt total für Marimba, ein anderer fürs Vibrafon, ich für alles, was etwas ungewöhnlich ist, und halt auch für Drumset. So hat jeder seine Spezialisierung.

Wird die Spezialisierung beim Dienstplan auch immer berücksichtigt?
Ja, ja! Wir versuchen das auf jeden Fall. Wir versuchen – das ist die Weisheit des Alters – unsere Stärken zu nutzen und die Schwächen zu verdecken.

Wodurch zeichnet sich ein Solo-Schlagzeuger aus? Was unterscheidet dich von deinen (Schlagzeug-)Kollegen?
Nix (lacht). Ich bin der Ansprechpartner fürs Management. Auch wenn es etwas ganz Verrücktes und Solistisches zu spielen gibt, werde eher ich das machen. Ich habe außerdem auch noch die Solo-Pauke im Vertrag.

Schlagwerk

Schlagwerk und Bühnenplan | Foto: Konrad Graf

Mit 40 Schlagwerken ist euer Instrumentarium recht groß. Wie behält man da den Überblick?
Durch gute Organisation. Das habe ich am Anfang erst lernen müssen. Deswegen haben wir auch schon im Urlaub dieses Projekt angestoßen und angefangen, Bühnenpläne zu machen. So vermeiden wir, dass in der Woche, in der es um die Musik geht, durch unnötiges Umräumen und Umstellen Probleme entstehen. Wir haben einen fertigen Bühnenplan, der wird so auch eingehalten: Also, wo steht welches Instrument, was brauche ich in Verbindung mit welchem Stück an welcher Stelle, was muss vielleicht noch in der Nähe stehen, damit ich es nach vorne räumen kann? Das muss alles da liegen, auch die Noten müssen da liegen. Die gesamte Geographie und Geometrie der Bühne muss stimmen, bevor wir die erste Probe machen.

Und wer kümmert sich darum?
Wir Schlagzeuger (Anm.d. Red.: Im hr-Sinfonieorchester sind drei Schlagzeuger angestellt) kümmern uns monatsweise jeweils um ein Projekt. Der August ist mein Monat. Es macht Spaß, so etwas ins Laufen zu bringen. Tja, und im Jahresüberblick bleibt bei mir noch etwas mehr an Organisation hängen, weil ich der Ansprechpartner bin, wenn irgendwelche Dinge langfristig geplant werden.

Aber eigentlich ist im Monatswechsel immer jemand anderes von uns zuständig. Wir müssen die Instrumente aus der Partitur heraus identifizieren, wir müssen herausfinden, ob etwas bestellt, etwas ausgeliehen oder etwas gekauft werden muss. Sind alle Instrumente in Ordnung? Im Moment bin ich dabei, eine afrikanische Trommel zu flicken, weil wir sie für die Neue Musik am Wochenende benötigen. So etwas gehört auch zu unseren Aufgaben. Mir ist es immer wichtig, dass die Organisation vorher abgeschlossen ist, und dass, wenn die Musik läuft, ich nicht mehr rennen muss. Das funktioniert aber nicht immer.

Stichwort Aushilfe
Die organisiere ich.

Und du kannst dann auch sagen, wen du gerne hättest, weil man sich in der Branche kennt …
Ja, genau. Wenn ich ein Projekt vorbereite, habe ich im Hinterkopf, welche Instrumente meine Kollegen gerne spielen würden – sie lasse ich immer zuerst auswählen. Außerdem habe ich eine lange Liste mit Gastschlagzeugern von anderen deutschen Orchestern, von denen ich weiß, der könnte dafür passen, der hierfür. Aber es ist ja nicht gesagt, dass er Zeit und Lust hat zu kommen.

Und fürs Open Air gibt’s auch Gastschlagzeuger?
Ja, bei Ginastera sind wir insgesamt sechs Schlagzeuger, drei von uns plus unser Akademist und dann noch zwei Gäste.

Ich habe von Schlagzeugern gehört, die auf den Schrottplatz gehen, um Instrumentarium zu sammeln …
Du hast einen vor dir. Ich mache das auch. Schrottplatz, Baumarkt und teilweise auch mein eigener Fundus. Wir hatten ein Konzert mit Martin Grubinger und Eötvös‘ „Speaking Drums“. Da waren verschiedene Blechinstrumente gefragt, und ich habe ein Verkehrsschild aus meiner Kfz-Sammlung aktiviert – ein 30-km/h-Begrenzungsschild. Also man darf ein bisschen verrückt und kreativ sein.

Aber nur bei modernen Stücken?
Ja klar!

Bei dem eben genannten Eötvös – steht da in der Partitur, man braucht ein Straßenschild oder was steht dort?
Nein, da steht drin „verschiedene metallene Instrumente, die verschiedene Tonhöhen haben“. Als Schlagzeuger ist man frei. Wobei sich in dem Fall der Solist Martin Grubinger das Straßenschild gewünscht hat. Grubinger fragte, ob wir was anderes als Pfannen haben. Der Kollege Andreas Hepp hat sich dann tatsächlich noch eine neue Pfanne gekauft, weil sie besser klang als das, was er hatte. Ich habe eine mitgebracht, da war der Boden zu dick und das hat nicht gut geklungen. Also, wir experimentieren sehr viel, und das landet dann auch im Fundus. Ich habe beispielsweise verschiedene Oldtimer, und immer wenn da mal eine Feder ausgetauscht werden muss oder eine Bremstrommel, dann kommt die alte in den Fundus, weil das die typischen Instrumente sind, die in der Neuen Musik verwendet werden. Ich lackiere das dann, damit sich keiner die Finger schmutzig macht, und das liegt dann im Fundus hier im hr.

Für euch Schlagzeuger muss Neue Musik dann ja besonders toll sein?
Ja und nein. Es ist toll, neue Sachen rauszufinden. Es ist aber auch so, dass Neue Musik extrem viel Vorbereitung braucht. Man verbringt viel Zeit damit, Instrumente zu finden. Vom Spielen her ist es oft sehr, sehr spannend. Oft auch sehr unangenehm, weil auch experimentiert wird.

Kannst du die Besonderheit deines Instrumentariums in drei Schlagwörtern beschreiben?
Es entwickelt sich rasant weiter. Ständig gibt es neue Instrumente, die gelernt und beherrscht werden müssen, die im Studium gar nie angesprochen werden. Dann die Kreativität, die gefordert ist, Neugier, Vielseitigkeit und der Klangreichtum. Ich bin ein totaler Klangfanatiker.

Auf welches Schlagwerk müssen wir beim Open Air besonders achten, weil es nur selten zu hören ist?
Nun ja, das Drumset, weil das in Verbindung mit klassischer Musik nicht so oft vorkommt. Ansonsten die ganzen Stabspiele, also Vibrafon, Xylofon, Glockenspiel. Das ist sehr interessant. Bei Ginastera gibt es mehr südamerikanische Percussion, auch das ist spannend. Alles eine Herausforderung.

Was gibst du meinen Leserinnen und Lesern mit auf den Weg fürs Open-Air-Konzert?
Sie sollen mit offenen Augen und Ohren kommen. Wir für uns allein können nicht so toll Musik machen. Das Ganze geht nur, wenn das „Wohnzimmer“ voll ist mit gutem Publikum.

Das Konzert auf der Weseler Werft beginnt um 20 Uhr, Einlass ist ab 16 Uhr.

Auf dem Programm steht:
Samuel Barber, Ouvertüre zu „The School of Scandal“
George Gershwin, Rhapsody in Blue
Jimmy López, América salvaje
Alberto Ginastera, Vier Tänze aus dem Ballett „Estancia“
Leonard Bernstein, Sinfonische Tänze aus der „West Side Story“

 

Autor: Orchestrasfan

Ulrike Schmid, im Hauptberuf PR-Beraterin schreibt hier unentgeltlich als Fan des hr-Sinfonieorchesters und anderer Orchester über klassische Musik und Konzerte aus Sicht eines Laien. Seit April 2014 arbeitet sie als PR-Referentin beim Hessischen Rundfunk. Die hier formulierten Äußerungen sind rein privater Natur und nicht mit dem Orchester(-management) abgestimmt.

2 Kommentare

  1. Danke für den tollen Artikel… Schöne Grüße Cihan

  2. Pingback: In der Elbphilharmonie spielen zu duerfen ist ein Geschenk | Orchestrasfan

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