Die virtuelle Heimat einer „Klassiktante“

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Orchestrasfan im Großen Saal der Alten Oper |Foto: Chris Christens

Orchestrasfan im Großen Saal der Alten Oper | Foto: FNP/Chris Christes

Wenn Robert ruft, greif ich natürlich sofort in die Tasten. Einen Link habe ich von ihm zwar noch nie bekommen – auch noch nie eingefordert – doch er war bereits Gast auf meiner Konzert-Couch. Ehrlich gesagt, er war sogar der Ideengeber dafür. Aber jetzt der Reihe nach …

Eine virtuelle Heimat

2008 begann ich zu bloggen. Damals war die „Infrastruktur“ schon gelegt: WordPress gab es – nach wie vor meine bevorzugte Blogsoftware – und Facebook und Twitter sorgten für die Verbreitung. Da mein Blog Kultur 2.0   dringend renovierungsbedürftig ist und meine Interessen sich mittlerweile verschoben haben, berichte ich hier lieber von meinem „zweiten Bloggerleben“ als Orchestrasfan.

Seit 2012 gibt es mein Blog Orchestrasfan. Hier schreibe ich als Fan klassischer Musik, in erster Linie sinfonischer Werke, und als Fan von Orchestern und insbesonder des hr-Sinfonieorchesters. Meine Liebe für dieses Orchester hatte ich ein Jahr zuvor entdeckt, und so fing das Bloggen an. Ich schreibe, wonach mir der Sinn ist – immer aus der Perspektive eines Laien.

Anfangs suchte ich einfach nur eine virtuelle Heimat für die Interviews, die ich in hr2-kultur mit dem zuständigen Redakteur und Moderator des Orchesters machte. Doch schon bald wurde es mehr. Ich versuchte mich in Konzertbesprechungen, den „Konzerterlebnissen“, die mit üblichen Konzertkritiken nichts zu tun haben. Das erste „Konzerterlebnis“ kommentierte dann auch gleich ein Musiker des hr-Sinfonieorchesters. Das spornte mich natürlich an.

Meine Mission

Als „Orchestrasfan“ will ich herausfinden, inwieweit ich Leute für klassische Musik begeistern kann, die sich selbst nicht als erfahrene „Klassik-Hörer“ bezeichnen und auch mit klassischer Musik nicht viel am Hut haben. Kann ich eine akzeptable Reichweite wie etwa Livestyle-Bloggerinnen oder Autoblogger bekommen? Lässt sich das Fan-sein ähnlich wie ein Fußballfan leben und vermitteln? Akzeptieren mich die Klassikszene, Orchester(-management), Solisten und Veranstalter?

2013/2014 steckte ich viel Zeit in die Bloggerei und Twitterei. Ähnlich einem Fußballfan lernte ich die Namen der hr-Sinfonieorchestermusiker inklusive zugehöriger Instrumente auswendig. Nach 20 Namen gab ich auf. Im Gegensatz zu einer Fußballmannschaft hat ein Orchester nämlich über 100 Mitglieder. Ich erstellte einen Redaktionsplan mit festen Rubriken und Veröffentlichungstagen. Die Inhalte sind eine Mischung aus schnell zu schreibenden Kurz-Beiträgen (Konzertsaalfoto, Das Zitat zum Sonntag, Hör- und Lesetipps, Konzert-Outfits) sowie ausführlicheren Berichten (Dirigenten-/Künstlerinterviews, Konzerterlebnisse), einer Kolumne oder der eingangs erwähnten Konzert-Couch-Aktion. Ich begleitete einen Gewandhausmusiker einen Tag lang, war im Orchestergraben bei den Dortmunder Philharmonikern und beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks Backstage und berichtete darüber in den sozialen Medien. Aktionen, die viel Arbeit, aber immer auch viel Spaß machen.

Honorar Jobangebot

Das war und ist meine Motivation. Oder vielleicht eher meine Mission? Richtig Geld mit dem Blog zu verdienen, war nie meine Absicht. Die eine oder andere Freikarte für ein Konzert eines Top-Orchesters genügte mir. Die Gelder in der Musikszene sind knapp, und vermutlich würde kein Veranstalter Werbung auf meinem Blog schalten. Da gab ich mich keiner Illusion hin und hab’s erst gar nicht probiert … Aber der Zufall wollte es, dass das hr-Sinfonieorchester 2014 eine Interims-Pressereferentin suchte. So kam ich zum Hessischen Rundfunk (hr), wenn auch mittlerweile in einer ganz anderen Position. Fazit: Bloggerei und Twitterei führten am Ende zu einem Job und damit auch zu Geld, wenn auch indirekt.

Ganz viel Eigenmotivation

Seit ich Fulltime beim hr bin, habe ich leider nicht mehr so viel Zeit für Orchestrasfan, weshalb es hier etwas ruhiger geworden ist. Doch nach wie vor begeistern mich Backstage-Geschichten oder Aktionen, an die nicht jeder rankommt. Wenn im hr oder außerhalb jemand zu mir sagt: „Ach, du bist Orchestrasfan!“, denke ich mir immer, na, so ganz umsonst ist die Arbeit also doch nicht. Es braucht aber schon wahnsinnig viel Eigenmotivation. Im Gegensatz zur Auto- und Livestyle-Szene sind Blogger in der Klassikszene noch nicht so angesehen. Wenn ich bei Veranstaltern und Orchestern nachfrage, sind sie zwar zur Kooperation bereit – nur selbst kommen sie nie mit einer Idee auf mich zu.

Wenn dann doch wieder einmal etwas Konkretes entsteht – wie jüngst der „Pausenfüller“ zum Wandelkonzert, den ich mit meinem hr2-kultur-Kollegen im Städel Museum aufgezeichnet habe – gibt mir das so viel Anstoß, dass ich doch immer weiterschreibe, auch ohne die ganz große Anerkennung zu bekommen. Übrigens kam das Städel Museum auf mich zu, weil sie mich als klassikaffin – als „Klassiktante“ – abgespeichert haben. Museen sind da einfach weiter …

Autor: Orchestrasfan

Ulrike Schmid, im Hauptberuf PR-Beraterin schreibt hier unentgeltlich als Fan des hr-Sinfonieorchesters und anderer Orchester über klassische Musik und Konzerte aus Sicht eines Laien. Seit April 2014 arbeitet sie als PR-Referentin beim Hessischen Rundfunk. Die hier formulierten Äußerungen sind rein privater Natur und nicht mit dem Orchester(-management) abgestimmt.

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