Ein Tag mit einem Gewandhausmusiker #03

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Anspielprobe des Gewandhausorchesters mit Andris Nelsons in der Alten Oper Frankfurt

Anspielprobe des Gewandhausorchesters mit Andris Nelsons in der Alten Oper Frankfurt | Foto: Ulrike Schmid

Am Nikolaustag, 6. Dezember 2014, hatte ich das große Vergnügen, den Cellisten Hendrik Zwiener während des Gastpiels des Gewandhausorchesters in der Alten Oper Frankfurt durch den Tag zu begleiten (meine Ankündigung vom 5. Dezember).

Im Vorfeld hatten wir bereits ausgemacht, dass ich ihn am Bahnhof Frankfurt Süd abholen würde und wir mit dem Orchesterbus ins Hotel fahren und dann alles andere auf uns zukommen lassen würden. Gesagt, getan. Am Samstag stand ich also um 13.20 Uhr am Bahnsteig, und kurz darauf kam auch schon einer der drei Busfahrer, um die Musikerinnen und Musiker zu den Bussen zu begleiten. Der ICE 1640 war überpünktlich. Abhängig von der Distanz reist das Orchester oft mit dem Zug an.

Anders als erwartet

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Abfahrbereit | Foto: Ulrike Schmid

Im Bus hatte ich auch Gelegenheit mit anderen Musikern zu sprechen, und die waren ganz schön überrascht, als sie hörten, dass ich zu meinem Freizeitvergnügen blogge, damit ihr, meine Blogleser, etwas Schönes zum Lesen habt. Im Hilton angekommen, lagen dort schon Kärtchen mit den Namen der Musikerinnen und Musiker, die den „Zimmerschlüssel“ enthielten. Zielsicher gingen alle sofort an diesen Tisch und suchten sich ihr Kärtchen mit ihrer Zimmerkarte heraus. Offenbar ist dieses Prozedere bekannt. Bis zu diesem Moment war ich noch in dem Glauben, dass sich die Musiker ein Zweibettzimmer teilten. Ist aber nicht so — Gewandhausmusiker haben Einzelzimmer.

Entspanntes Plauderstündchen

Bei einem Gastspiel wird im Gegensatz zu einer Tournee nicht geprobt — zum Glück für die anderen Hotelgäste. Es kommt vor, dass die Musiker im Hotelzimmer proben müssen, weil am eigentlichen Veranstaltungsort nicht genügend Räume vorhanden sind. Da müsse man schon auf das Verständnis der übrigen Hotelgäste hoffen, meint Hendrik Zwiener. Als er sich schließlich mit Schwimmen, Lesen und Ausruhen auf das Konzert vorbereiten wollte, habe ich mich zunächst einmal verabschiedet.

Alte Oper Frankfurt  | Foto: Ulrike Schmid

Alte Oper Frankfurt | Foto: Ulrike Schmid

Wir trafen uns wieder um 17.15 Uhr auf einen Kaffee, um ein wenig zu plaudern, nicht nur übers Gastspiel, sondern generell über Jugendprojekte, Orchesterdiensteinteilung und über das älteste Bürgerorchester Deutschlands im Allgemeinen. Immerhin existiert das Gewandhausorchester schon seit 1743. Dagegen ist das hr-Sinfonieorchester mit seinen 85 Jahren geradezu ein Jungspund.

Große Logistik überraschend einfach

Am Abend vorher hatte das Orchester noch im Gewandhaus gespielt. Die Orchesterwarte haben dann mal flugs die Instrumente und das weitere Equipment, darunter auch Pulte Podeste für die Celli, in einen LKW verfrachtet und in Frankfurt wieder ausgepackt. Ein ganz schöner logistischer Aufwand für so ein eintägiges Gastspiel. Nach Frankfurt sind rund 120 Musikerinnen und Musiker angereist, da für Strawinsky und Bartók die große Besetzung benötigt wird (Mein Beitrag zum Programm). Dazu kommen noch Orchesterwarte und Management.

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Frack trifft Cello | Foto: Ulrike Schmid

Das Cello kommt in eine große Transportkiste, da kann gar nichts passieren, auch wenn die Kiste durch die Gegend fällt — bei der Masse kaum vorstellbar. Im Gegensatz zu Geigen oder auch Bratschen wird ein Cello in einer Einzelkiste verpackt, da hat sogar noch der Frack Platz. Einige Musiker haben ihr Instrument selbst im Zug mitgenommen, auch Celli waren dabei. Als wir um kurz nach sechs in den als Garderobenraum umfunktionierten „Schumann-Saal“ kamen, war die „Zwiener-Kiste“ schon da, und der Inhalt wartete nur

Hendrik Zwiener | Foto: Ulrike Schmid

Hendrik Zwiener | Foto: Ulrike Schmid

darauf, ausgepackt zu werden. Ganz ehrlich: Ich hatte mir so einen Umkleideraum etwas spektakulärer vorgestellt. Ich dachte, es gäbe zumindest einen „richtigen Garderobenraum“. Weit gefehlt! In der Alten Oper stehen, schön nach Männern und Frauen getrennt, mehrere Säle zur Verfügung, in denen auch die Instrumentenkästen stehen. Irgendwo dazwischen müssen sich die Musikerinnen und Musiker umziehen.

Ein ruhiges Plätzchen

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Geiger und Hornisten haben ein ruhiges Plätzchen im Großen Saal gefunden | Foto: Ulrike Schmid

Nachdem das Cello gefunden war, ging es zum Einspielen. Hendrik Zwiener und viele seiner Kolleginnen und Kollegen taten dies auf der Bühne. Ein paar andere, etwa Hornisten und Geiger, haben sich ein ruhigeres Eckchen im Saal gesucht. Beim Einspielen auf der Bühne muss man die Geräusche einfach ausblenden, erfuhr ich. Außerdem ist es für einen Cellisten ja auch schwieriger ein „Plätzchen“ mit Stuhl zu finden, als für Geiger oder Hornisten, die auch im Stehen spielen können. Einige der Musikerinnen und Musiker trugen bereits ihre Konzertkleidung. Der Großteil befand sich, wie auch Dirigent und Solistin, noch in Alltagskleidung.

Der Hausherr  der ALten Oper, Stephan Pauly, begrüßt die Gäste aus Leipzig | Foto: Ulrike Schmid

Der Hausherr der Alten Oper, Stephan Pauly, begrüßt die Gäste aus Leipzig | Foto: Ulrike Schmid

Vor der Anspielprobe begrüßte der Hausherr der Alten Oper, Dr. Stephan Pauly, Orchester, Dirigent Andris Nelsons sowie Geigerin Baiba Skride. Es folgte die Anspielprobe, danach das Umziehen — und das Konzert begann. Ein wunderbares Konzert!

Nach dem Konzert ging es sofort zurück ins Hotel und am nächsten Morgen um 9.45 Uhr standen die Busse wieder parat, um die Musiker zum Bahnhof zu bringen. Dann ging es für das Bürgerorchester mit dem ICE zurück nach Leipzig. Ob ihre Instrumente sie dort auch schon wieder erwarteten?

Es war ein wunderbares Erlebnis. Danke Hendrik Zwiener und Gewandhausorchester, dass Sie mir dies ermöglicht haben.

 

Autor: Orchestrasfan

Ulrike Schmid, im Hauptberuf PR-Beraterin schreibt hier unentgeltlich als Fan des hr-Sinfonieorchesters und anderer Orchester über klassische Musik und Konzerte aus Sicht eines Laien. Seit April 2014 arbeitet sie als PR-Referentin beim Hessischen Rundfunk. Die hier formulierten Äußerungen sind rein privater Natur und nicht mit dem Orchester(-management) abgestimmt.

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