Zwei Hammerschläge

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Eröffnungskonzert Rheingau Musik Festival ӏ Foto: Ansgar Klostermann

Eröffnungskonzert Rheingau Musik Festival ӏ Foto: Ansgar Klostermann

Um es gleich vorweg zu nehmen – ich liebe die Eröffnungskonzerte des Rheingau Musik Festivals und bin dort seit Jahren als Besucherin. Ich mag das Ambiente, die Stimmung, die Location und wenn dann noch mein Lieblingsorchester spielt ist alles perfekt.

Mittlerweile hat es Tradition, dass das hr-Sinfonieorchester das Festival in der Basilika von Kloster Eberbach eröffnet. In diesem Jahr stand erneut eine Mahler-Sinfonie auf dem Programm: Gustav Mahlers 6. Sinfonie a-Moll, mit der der Mahler-Zyklus abgeschlossen wurde. Vor der Pause interpretierte die Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter die Wesendonck-Lieder WWV 91 A von Richard Wagner. Die Leitung hatte Paavo Järvi.

Vorbereitung

Ein Novum für mich in diesem Jahr war, dass ich als Bloggerin vor Ort war – vielen Dank an dieser Stelle für die zur-Verfügung-Stellung des Bloggertickets – und nicht „nur“ als normale Zuhörerin. Der Bloggerstatus bringt mit sich, dass ich etwas an- und eingespannter bin, um den Geheimnissen der Musik auf die Spur zu kommen. Da ist schon die Vorbereitung, die mit dem Lesen der Werkbeschreibung – ich greif da immer noch zum guten alten Harenberg zurück, beginnt. Im Falle des hr-Sinfonieorchesters höre ich mir ergänzend die verschiedenen Beiträge, die bei hr2-kultur gesendet werden, im Vorfeld an. Und last but not least schaue ich immer noch bei YouTube nach, ob dort nicht schon ein Video des entsprechenden Werks steht, das ich mir anhören kann. Im Falle von Mahlers 6. konnte ich auf eine ältere Einspielung des Radio-Sinfonie-Orchesters Frankfurt, wie das Orchester früher hieß, unter Eliahu Inbal in meinem „Plattenschrank“ zurückgreifen.

Bei den Wesendonck-Liedern musste allerdings das Interview mit Anne Sofie von Otter im „Aktuellen Kulturgespräch“ (hörenswert!) als Vorbereitung reichen.

Ich war also gut vorbereitet, um das Konzert genießen und anschließend noch in Worte fassen zu können, was gar nicht immer so einfach ist.

Kuhglocken, Hammerschläge, Celesta und zwei Harfen

Anne Sofie von Otter ӏ Foto: Ansgar Klostermann

Anne Sofie von Otter ӏ Foto: Ansgar Klostermann

Eröffnet wurde das Konzert mit den Wesendonck-Liedern. Dabei handelt es sich um fünf Gedichte, die Mathilde Wesendonck für Richard Wagner geschrieben hatte und die Wagner vertont hat (die Orchesterfassung stammt von Felix Mottl). Ich war echt beeindruckt, wie umwerfend Anne Sofie von Otter die Lieder vortrug  und sich das Orchester noch in vornehmer Zurückhaltung übte.

Nach der Pause dann Mahler. Im Gegensatz zu den anderen fünf Sinfonien, die positiv enden – mit dem Sieg der Liebe etwa –, endet die sechste tragisch. Sie trägt deshalb auch den Beinamen „Tragische“. Tragisch, expressiv, komplex – das sind Attribute mit denen man diese Sinfonie beschreiben kann. Mich zieht sie immer wieder aufs Neue gleich zu Beginn in den Bann mit dem marschartigen Thema, das sich mit wechselnden Instrumentierungen durch den ersten Satz zieht. Salopp gesagt hat der erste Satz, der mit „Allegro energico, ma non troppo. Heftig aber markig“ bezeichnet wird, etwas mitreißend-schmissiges. Das empfand ich im Live-Erlebnis auch noch viel intensiver.

Der Hammerschlag  ӏ Foto: Ansgar Klostermann

Hammerschlag ӏ Foto: Ansgar Klostermann

Wie bei Mahlers Sinfonien üblich, gab es eine große Orchesterbesetzung, vor allem mit viel Schlagwerk, Blechbläsern und – auch typisch Mahler – ungewöhnlichen Instrumenten, die sich nicht zwingenderweise auf der Bühne befinden. Am Sonntag waren es (Kuh-)Glocken, sowohl im Orchesterapparat integriert als auch im Seitenschiff, eine Celesta und der „berühmt-berüchtigte“ Hammer, der im vierten und letzten Satz erklingt und damit das tragische Ende einläutet.

Was ich extrem beeindruckend fand, war, wie es Paavo Järvi nach der Darbietung von Anne Sofie von Otter geschafft hat, durch seine langsame nach-unten-Bewegung der Arme die Spannung so lange aufrechtzuerhalten, so dass der Applaus erst Sekunden später erklang. Noch ausgeprägter war dies nach Mahlers 6.: Sekundenlanges Schweigen in der Kirche, ehe der frenetischen Applaus losbrach.

Die Bloggerei über ein Konzert bringt übrigens mit sich, dass ich „mehr“ davon habe. Die Intensität der erhaltenen Eindrücke gepaart mit der weiteren Beschäftigung – sei es mit dem Programmheft, sei es mit dem erneutem Ansehen des Konzerts auf arteLiveWeb bzw. hr-online – steigert den nachträglichen Genuss, weil sich die Eindrücke nicht so schnell verflüchtigen.

Eindrücke vom Konzert hat das Rheingau Musik Festival bei Flickr eingestellt.

Und zum Schluss noch der Hinweis, dass das Konzert auf arteLiveWeb noch 89 Tage angesehen werden kann.

 

Autor: Orchestrasfan

Ulrike Schmid, im Hauptberuf PR-Beraterin schreibt hier unentgeltlich als Fan des hr-Sinfonieorchesters und anderer Orchester über klassische Musik und Konzerte aus Sicht eines Laien. Seit April 2014 arbeitet sie als PR-Referentin beim Hessischen Rundfunk. Die hier formulierten Äußerungen sind rein privater Natur und nicht mit dem Orchester(-management) abgestimmt.

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