„Gitarre ist das handgemachteste Instrument“ – Interview mit Heike Matthiesen

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Heike Matthiesen

Heike Matthiesen

Die Gitarre ist das Instrument des Jahres 2013. Für mich ein Grund, bei Heike Matthiesen alias gitarra nachzufragen und etwas mehr über dieses Instrument und  über die Rolle der Gitarre als Orchesterinstrument zu erfahren.

Heike, die Gitarre wurde zum Instrument des Jahres 2013 gewählt. Was hältst du von solchen Aktionen? Rückt diese Initiative tatsächlich die Gitarre stärker ins Bewusstsein der Menschen?
Schon alleine dadurch, dass Du mir Fragen stellst, passiert ja schon etwas!

Die Gitarre ist ja einerseits scheinbar omnipräsent. Angefangen von der Lagerfeuerklampfe, Hard Rock, Flamenco, Blues  und auch einfach als dekoratives Accessoire im Bohemien Chic. Aber die Chance auf speziell klassische Gitarre (wieder mehr) aufmerksam zu machen, finde ich wunderbar. In kulturell schwierigen Zeiten geht bei vielen Veranstaltern ja auch aus Finanzgründen der Trend zu immer kleineren Besetzungen ( wie oft gab es in letzter Zeit Mozarts Gran Partita im Frankfurter Raum zu hören?) und da ist die Gitarre als volles Soloinstrument natürlich wunderbar. In all der Überflutungen mit „manipulierten“ Klängen, ist Gitarre das „handgemachteste“ Instrument, alles ist für das Publikum sichtbar, für den Spieler ist kein Bogen oder sonstiges „Werkzeug“ zwischen ihm selbst und den Saiten – und Gitarrenklänge sind immer eine direkte Einladung zum Träumen.

Was wird sich für dich dadurch ändern?
Ich werde in meinen Internetaktivitäten immer wieder darauf hinweisen, aber im praktischen Leben ändert sich eigentlich nichts, da ich mich ja nicht nur als Musikerin sehe, sondern mich schon immer als Botschafterin für die klassische Gitarre gefühlt habe. Heute nennt man das doch Brand Advocat?

Welche „Rollen“ gibt es für Gitarre, wenn nicht solistisch?
Es gibt viel Kammermusik auf verschiedenen Niveaus mit fast allen Instrumenten aus den Zeiten der Gitarromanie am Anfang des 19. Jahrhunderts bis heute. Aber es ist immer so, dass z. B. Streichquartette mit ihrem schier unendlichem Repertoire meist erst durch die Begegnung mit einem Gitarristen auf die Idee kommen, diese spezielle Kammermusik zu spielen. Flötisten, Geiger und Sänger, die gerne in Räumen ohne Flügel konzertieren wollen, gehen oft von selber auf Gitarristen zu.

Und in allen Besetzungen gibt es Kammermusikstimmen für die Gitarre: Vom puren Harmonienlieferanten bis zum gleichwertigen oder sogar überlegenen Partner.

Mit welchem Repertoire bist du zu hören? Kann ich dich auch an der Frankfurter Oper hören?
Zur Zeit spiele ich meist solistisch in drei grundsätzlichen Richtungen: das traditionelle spanisch-romantische Repertoire, große deutschsprachige Namen in Transkriptionen (Mozart, Schubert etc.) und Contemporary classical mit vieler neuester Musik.

Ich habe fast 20 Jahre an der Frankfurter Oper allerlei Zupfinstrumente (Gitarre, Banjo, Mandoline, Balalaika, E-Gitarre) gespielt. Bereits während meines Studiums waren dort meine allerersten Profiauftritte. 2006 habe ich mich entschieden, mit vollem Risiko in die Solokarriere einzusteigen. Dadurch ist dann auch die Arbeit dort eingeschlafen. Es waren allerdings sowieso nur noch sehr wenige Stücke mit Gitarre auf dem Plan, die inzwischen von guten Kollegen gespielt werden.

Auf der Wozzeck-DVD der Cambreling-Produktion bin ich sogar szenisch mit dabei, da kann man also noch etwas sehen. Ich habe unglaublich viel gelernt in meiner Opernzeit: Zusammenspiel, Abliefern, bedingungslose Zuverlässigkeit, Pflegeleichtigkeit und die innere Einstellung, wie man Stücke bei der achtzigsten Vorstellung noch wie neu spielt.

Warum kommt die Gitarre selten bis gar nicht als Orchesterinstrument vor?
Die Gitarre in ihrer heutigen Form ist in der Zeit der französischen Revolution „erfunden“ worden und hatte, bevor sie vom Klavier verdrängt wurde, einen festen Platz in den Salons. Sie hatte also auch den Ruf eines Saloninstruments mit nur hübschen Kleinigkeiten als Repertoire.

Leider hat der heutige Kanon der großen Namen praktisch nichts für Gitarre geschrieben und durch die Präsenz als Instrument der Populärmusik hat die Gitarre immer wieder mit Akzeptanzproblemen gekämpft. Und dann ist ja noch das Lautstärkeproblem. Andererseits haben alle Komponisten, die die Gitarre vor der Erfindung der Verstärkung eingesetzt haben, gewusst, was sie tun. Die Gitarre hat es nie in die klassische Sinfonieorchesterbesetzung geschafft, kein klassisches Orchester hat einen fest angestellten Zupfmusiker. Sie wird aber immer wieder einmal als Sonderinstrument gerne für folkloristische Farbtupfer eingesetzt. Im 20. Jahrhundert änderte sich das. Hans Werner Henze beispielsweise die Gitarre abendfüllend eingebaut.

Kannst du mir ein paar Werke nennen, die ich mir unbedingt anhören sollte, um die Gitarre als Orchesterinstrument zu hören?
Es gibt so viele Opern mit Ständchen, die dort tatsächlich auf der Gitarre gespielt werden: Barbier von Sevilla (Rossini), Don Pasquale (Donizetti), Oberon ( Weber), Beatrice et Benedict (Berlioz), Othello ( Verdi), Falstaff ( Verdi), Abu Hassan ( Verdi), La Vida breve ( de Falla) und dann natürlich Mahlers 7. Sinfonie (4. Satz).

Als ebenbürtiges Instrument wird es bei Schönbergs Serenade op. 24, Boulezs Le Marteau sans maitre und bei fast allen Werken von Henze eingesetzt.

Und dann gibt es natürlich noch die großen Konzerte mit Gitarre als Soloinstrument: Rodrigo Concierto de Aranjuez, Giuliani op.30 und Castelnuovo-Tedesco op.99 – mein persönlicher Favorit. Im 20. Jahrhundert sind zig Konzerte neu entstanden, es gäbe da noch unendlich viele schöne Musik zu entdecken.

Zum Schluss die obligatorische Frage. Bist du schon mal mit dem hr-Sinfonieorchester aufgetreten? Welche Verbindung hast du zum hr-Sinfonieorchester?
Ich müsste im meinem nicht-existenten Archiv graben, wann es genau war. Pi mal Daumen war es vor 15 Jahren. Ich habe auf ein oder zwei Rundfunkproduktionen mitgespielt, aber nie im Konzert. meist hat jedes Orchester seinen Zupfmusiker, der dann alles spielt. Man wir dann nur geholt, wenn derjenige nicht zur Verfügung steht. Ich habe die Zusammenarbeit als extrem professionell und trotzdem angenehm auf die Musik ausgerichtet empfunden. Schon bei der ersten Probe stehen die Stücke, dann wird gefeilt, Rundfunkorchester arbeiten da ganz anders als Opernorchester. Das ist ein grundsätzlicher Unterschied, einfach weil auf ein einzelnes zeitnahes Konzert oder eine Aufnahme hingearbeitet wird. Im Gegensatz dazu wird bei der Oper, wo manche Stücke ja zigmal gespielt werden und unter wechselnden Dirigenten manchmal mit knappster Probenzeit, ständig verändert.

Ich würde mich freuen, wann und wie auch immer, sich die Gelegenheit ergibt, wieder einmal mit diesem wunderbaren Orchester oder auch mit einzelnen Musikern zu arbeiten. Ansonsten bin ich eine unregelmäßige, aber begeisterte Konzertgängerin!

Liebe Heike, vielen Dank für die ausführlichen Antworten!

Autor: Orchestrasfan

Ulrike Schmid, im Hauptberuf PR-Specialistin schreibt hier unentgeltlich als Fan des hr-Sinfonieorchesters und anderer Orchester über klassische Musik und Konzerte aus Sicht eines Laien. Von 2014 bis 2017 hat sie als PR-Referentin für den Hessischen Rundfunk gearbeitet. Die hier formulierten Äußerungen sind rein privater Natur und nicht mit dem Orchester(-management) abgestimmt.

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