In der Elbphilharmonie spielen zu dürfen ist ein Geschenk

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Noch probt das NDR Elbphilharmonie Orchester in der Elbphilharmonie|Foto: Konrad Graf

Noch probt das NDR Elbphilharmonie Orchester in der Elbphilharmonie|Foto: Konrad Graf

Eine Woche ist es nun her, dass die Elbphilharmonie eröffnet wurde. Mit einem, der bei den Eröffnungskonzerten mitgespielt hat, habe ich nun gesprochen: Konrad Graf, Solo-Schlagzeuger beim hr-Sinfonieorchester, war als Aushilfe im NDR Elbphilharmonie Orchester mit dabei.

Konrad, wie kam’s, dass du als Aushilfe zum Eröffnungskonzert der Elbphilharmonie durftest?

Ich habe das Glück, seit elf Jahren zum festen Aushilfenstamm des NDR Elbphilharmonie Orchesters zu gehören. Mir wurde eine Liste mit Terminen für die Saison geschickt, und ich habe gesagt, „ja da kann ich, da kann ich nicht“. Ich hab am Anfang gar nicht bemerkt, dass es ums Eröffnungskonzert geht. Im November, als ich das letzte Mal beim NDR war, habe ich dann realisiert, dass einer der Termine das Eröffnungskonzert ist. Damals hatte ich auch schon das Glück, in dem Saal proben zu dürfen, auch wenn die Konzerte noch woanders stattfanden.

Bei wie vielen Konzerten hast du im Rahmen der Eröffnung mitgespielt?

Beim großen Eröffnungskonzert am 11. Januar, dann am nächsten Tag nochmal dasselbe Programm. Am 15. Januar gab’s wieder ein Konzert. Da wurde im ersten Teil wieder der erste Teil des Eröffnungskonzerts gespielt, und der zweite Teil war Mendelssohn Bartholdys „Lobgesang“.

Das war ja dann insgesamt ein ganz schöner Probenmarathon?

Konrad Graf an der großen Trommel | Foto: Screenshot privat

Konrad Graf an der großen Trommel | Foto: Screenshot privat

Ja, das war es. Es ging teilweise sechs bis acht Stunden am Tag durch, auch Samstag, Sonntag bis spät in die Nacht. Das war schon anstrengend für jemanden, der alles gespielt hat. Ich hatte werkbedingt ja nicht ganz so viele Einsätze. Als Schlagzeuger ist man nicht in allen Sätzen oder Werken vertreten. Anders hingegen die Streicher oder Bläser.

Standest du bei dem Konzert noch mal unter einer ganz anderen Anspannung aufgrund der großen Öffentlichkeit oder der Prominenz? Oder ist dir egal, wer da sitzt?

Hhm, so mittel. Ich bin jemand, der nicht zu großer Nervosität neigt. Ich bin meistens relativ cool. Es gibt ein paar Sachen, die mich durch ihre instrumentalen Anforderungen ein bisschen angespannt sein lassen, aber die Sachen, die ich dort zu spielen hatte, haben Spaß gemacht. Für mich waren es bei Zimmermann (Photoptosis) und Liebermann (Furioso) die Große Trommel und im Messiaen (Turangalila) die Röhrenglocken. Die Röhrenglocken bei Messiaen waren vom Timing her nicht ganz ohne. Ich bin ins Konzert eigentlich entspannt eingestiegen, und während ich nicht zu spielen hatte, habe ich mich mal ein bisschen im Saal umgeguckt und gedacht: „wow, die hast du auch noch nicht alle so als Zuhörer gehabt“. Das hat mich doch gefreut, und das war auch elektrisierend. Schon am Tag der Generalprobe am Montag waren die NDR-Kollegen auf der vordersten Stuhlkante und auch etwas nervös.

Man hat gemerkt, dass sich der besondere Druck auch bei den Kollegen auswirkt. Ich habe mich wahnsinnig geehrt gefühlt, dass ich dabei sein durfte. Die NDR-Schlagzeuger haben sich eine Mannschaft aus ganz Deutschland zusammengeholt, alles Solo-Schlagzeuger. Wir hatten Spaß, waren gemeinsam essen und haben geklönt – das war auch so ein bisschen Familientreffen.

Hast du denn dein Instrumentarium selbst mitgebracht oder wurde es dir gestellt?

Nein, das wird in aller Regel immer vom Orchester gestellt. Ich habe in all den Jahren nur einmal für ein Filmmusikprojekt ein Auto voller privater Instrumente nach Hamburg mitgenommen.

Warum musste denn so viel geprobt werden? Weil es drei Konzerte waren?

Nein, das hing mit der Situation zusammen. Das NDR Elbphilharmonie Orchester wollte die Konzerte natürlich auch sehr gut machen.

Für die ersten beiden Konzerte wurde seit dem 3. Januar geprobt, weil das Programm natürlich anspruchsvoll war. Ab dem 7. Januar wurden dann schon Durchläufe gemacht, also die Ernstsituation simuliert, weil ja jedes Stück aneinander gekettet funktionieren musste, die  Abläufe wurden getestet, es mussten Leute auf der Bühne rumlaufen, so zum Beispiel ich, und das musste alles in Ruhe passieren. Das dritte Konzert mit dem anderen zweiten Teil wurde nur am Freitag und Samstag vor dem dritten Konzert geprobt. Die NDR-Kollegen wollten einfach ein perfektes Ergebnis haben.

Spricht man über die Elbphilharmonie kommt zwangsläufig die Frage nach der Akustik. Eleonore Büning sprach in der F.A.Z. von einer Überakustik: Wie ist das für einen Musiker? Man hört ja angeblich jeden Fehler, jedes Klappengeräusch, jeden sekundenkurz verrutschen Einsatz. Andersrum hört ihr auf der Bühne ja auch jeden Atmer und jedes Hüsteln. Macht einen das als Musiker im Vorfeld nicht völlig verrückt und führt zu einer enormen Anspannung?

Das ist wie Fluch und Segen bei der HD-Videotechnik. Wenn du alles super gut aufgelöst siehst, siehst du plötzlich auch Fehler, Makel, Falten. So ist es hier auch.

Als Musiker stachelt mich das an. Der gute Effekt ist ja auch, dass man auf einer Bühne, wo man sich so kammermusikalisch hört, die Kollegen viel besser wahrnimmt und dann ist es auch leichter zusammenzuspielen.

Schlagzeugstarke Musik sei in der Elbphilharmonie klar im Vorteil. Hast du das so empfunden?

Blick durch die Triangel | Foto: Konrad Graf

Blick durch die Triangel | Foto: Konrad Graf

Ich habe mich während der Probenphase im November mal überall im Saal hingesetzt. Ich hatte den Eindruck, dass bestimmte Frequenzen sehr gut übertragen werden. Beim Pauker ist beispielsweise immer das Problem, dass er eigentlich mit weicheren Schlegeln gut klingen möchte. Auf einem normalen Konzertpodium kommt das dann beim Publikum als „mulmig“ an. In der Elbphilharmonie kann man wirklich präsent spielen und trotzdem weiche Schlegel nehmen. Die Große Trommel ist sehr präsent, eher so als Grundrauschen im Saal. Die tiefen Frequenzen werden sehr gut übertragen, den Rest des Schlagzeugs finde ich fast etwas „unterbelichtet“. Man könnte da noch lauter spielen, als wir es vielleicht gemacht haben.

Erinnerst du dich noch daran, wie es für dich war, als du zum ersten Mal die Bühne betreten hast?

Mich hat’s überwältigt. Ich fand’s toll! Ich finde, als Musiker ist es ein Geschenk, so einen Saal bespielen zu dürfen. Wenn man sich auch für Architektur interessiert, ist es ein unglaubliches Erlebnis. Ich hab noch nie solche Materialien verbaut gesehen.

Gab’s für euch Musiker auch eine rauschende Eröffnungsparty? Inmitten all der anderen Gäste?

Ja, genau, wir durften auch mit der Prominenz rumstehen, und es ging sehr lang …

Dein nächster Einsatz im hohen Norden ist wann?

Als Aushilfe weiß ich es noch nicht genau, aber mit meinem Orchester – dem hr-Sinfonieorchester – spiele ich am 9. Juli 2017 in der Elbphilharmonie.

 

P. S. Was einen Solo-Schlagzeuger auszeichnet, hat Konrad Graf mir in einem anderen Interview bereits erläutert.

 

 

 

Autor: Orchestrasfan

Ulrike Schmid, im Hauptberuf PR-Specialistin schreibt hier unentgeltlich als Fan des hr-Sinfonieorchesters und anderer Orchester über klassische Musik und Konzerte aus Sicht eines Laien. Von 2014 bis 2017 hat sie als PR-Referentin für den Hessischen Rundfunk gearbeitet. Die hier formulierten Äußerungen sind rein privater Natur und nicht mit dem Orchester(-management) abgestimmt.

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