In der Warteschlange: Mein Besuch der Wiener Staatsoper

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Wiener Staatsoper | Foto: Ulrike Schmid

Vergangenes Wochenende war ich in Wien, und natürlich stand dort auch ein Besuch der Wiener Staatsoper auf dem Programm, wie bei all meinen Wienbesuchen. Es hat schon Tradition, dass meine Wiener Freunde und ich uns Stehplatzkarten „gönnen“. Das Ergattern von einem der 567 Stehplätze hat seinen ganz eigenen Charme, man braucht nämlich seeeehr viel Geduld (und Zeit). Dafür ist der Kartenpreis mit drei Euro unschlagbar günstig für das, was man Tolles geboten kriegt. Es wird pro Person auch nur eine Karte ausgegeben.

Stehplatzkasse | Foto: Ulrike Schmid

Wir wollten uns die Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ von Dmitri Schostakowitsch anschauen und -hören. Ich hab diese Oper noch nie gehört, bin aber seit meinen jüngsten „Schostakowitsch-Konzertbesuchen“ total angetan von diesem Komponisten.

Warten …

Da der Vorstellungsbeginn um 19.00 Uhr war, hieß das für uns, dass wir spätestens drei Stunden, besser noch früher, an der Stehplatzkasse sein mussten, wollten wir gute Stehplätze ergattern. Ja, auch bei den Stehplätzen gibt es bessere und schlechtere. Außerdem sind sie auf drei Ebenen verteilt: Parkett, Balkon und Galerie. Wir nehmen immer Balkon, weil es dort am gemütlichsten ist und wir einen guten Blick sowohl auf die Bühne als auch in den Orchestergraben (ganz wichtig für mich) haben.

Warten …

Als wir um 15.45 Uhr eintrudelten, waren tatsächlich schon einige vor uns da, und wir wurden auch schon von einem Bekannten meiner Freundin begrüßt. Man kennt sich eben als Wiener unter den Stehplatzbesuchern …

Der Kauf und das Einnehmen der Stehplätze erfolgt nach festen Regeln. 3 Stunden vor Vorstellungsbeginn – in unserem Fall also um 16.00 Uhr – wird die Tür geöffnet und wir durften in den ersten Gang. Die Profis – so wie wir :-) – hatten natürlich aufklappbare Sitzgelegenheiten dabei. Nach einiger Zeit des Wartens wurden wir in

… und Warten

einen weiteren Gang vorgelassen. Und auch hier wieder: Warten und Warten. So 60-70 Minuten vor Vorstellungsbeginn wird dann die Kassa endlich geöffnet. Wer jetzt glaubt, es wäre vorbei mit der Warterei, der irrt.

… und Warten

In meinem jugendlichen Leichtsinn wollte ich natürlich gleich die Treppe ganz nach oben spurten, wäre da nicht der ältere freundliche Herr gewesen, der mich davon abhielt. Der Balkon war nämlich noch nicht für die „Eroberung“ freigegeben. Also wieder warten. So blieb mir wenigstens Zeit, mich ein wenig umzusehen, ohne mich von meinem Platz wegzubewegen. Dafür sorgte schon der ältere Herr (und meine Freundin). Überhaupt – die ganze Anstellerei verlief sehr gesittet ab, keiner der sich vordrängelte oder sonst unangenehm auffiel.

Imposantes Treppenhaus | Foto: Ulrike Schmid

Um kurz nach sechs hatten wir dann unsere Stehplätze – nach dem Motto „wer zuerst kommt, malt zuerst“ – eingenommen und markierten sie mit einem Schal, um uns in dem prachtvollen Gebäude noch etwas umzusehen.

Ein Seitensprung mit Folgen

Die dreistündige Oper selbst war grandios. Ich hatte mich, entgegen meiner Gepflogenheit, nicht vorbereitet. Das einzige, was ich wusste war, dass Ingo Metzmacher dirigiert, der ja auch schon Schostakowitschs 11. in Essen dirigierte. Von der Handlung hatte ich keine Ahnung. Das tat dem Musikgenuss aber keinerlei Abbruch. In dem Fall fand ich es sogar eher von Vorteil, weil die Spannung, wie die Handlung denn weitergehen und enden würde, bestehen blieb.

Besetzungsplan | Foto: Ulrike Schmid

Zum Mitverfolgen gab es den Gesang als Text auf einem kleinen Monitor an jedem Platz (auch auf den Stehplätzen). Das Stück ist unglaublich beeindruckend. Eine ganz tolle Musik: wuchtig, brodelnd aber auch stellenweise sehr melancholisch.

Inhaltlich geht es um eine junge Frau, reich verheiratet und sehr einsam. Katerina ist voller Lebenslust und Liebesverlangen und leidet unter der fehlenden Zuneigung ihres Mannes. Die Tyrrannei und Anzüglichkeiten des Schwiegervaters setzen ihr ebenfalls zu.  Als einer neuer Knecht – Sergej – eingestellt wird, scheint er ihr als Retter und Ausweg aus ihrer Misere. Doch die Affäre mit dem Knecht ist der Beginn einer kriminellen Karriere … Wer mehr   wissen will, erfährt hier mehr zur Handlung.

Und so vergingen die drei ähm sechs Stunden fast wie im Fluge.

Auf dem Blog der Wiener Staatsoper gibt es übrigens die Kategorie „Stehplatz“ auf der mehr oder weniger Prominente von ihren Stehplatzerfahrungen berichten.  Meine Wiener Freundin könnte auch Geschichten erzählen … Seit ich sie kenne, und das sind mittlerweile an die 27 Jahre, besucht sie mehrmals wöchentlich die Wiener Staatsoper – mit Stehplatz versteht sich.

Autor: Orchestrasfan

Ulrike Schmid, im Hauptberuf PR-Specialistin schreibt hier unentgeltlich als Fan des hr-Sinfonieorchesters und anderer Orchester über klassische Musik und Konzerte aus Sicht eines Laien. Von 2014 bis 2017 hat sie als PR-Referentin für den Hessischen Rundfunk gearbeitet. Die hier formulierten Äußerungen sind rein privater Natur und nicht mit dem Orchester(-management) abgestimmt.

Ein Kommentar

  1. Erinnerungen werden wach … hab mir da vor fast 20 Jahren als Student mein halbes Repertoire erarbeitet. Meistens auf der Galerie. Inklusive Ring des Nibelungen.

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