Meine Zeit hier ist einfach noch nicht ganz abgeschlossen

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Christiane Karg, Artistin in Ressidence in der Saison 2013/14 ӏ Foto: Gisela Schenker

Christiane Karg, Artist in Ressidence in der Saison 2013/14 ӏ Foto: Gisela Schenker

Den Frankfurtern ist Christiane Karg (noch) vor allem als Ensemblemitglied der Oper Frankfurt bekannt. Ab der Spielzeit 2013/14 wird sie auch bei den Konzertgängern von sich reden machen, denn sie wird Artist in Residence des hr-Sinfonieorchesters. Im etwas anderen Interview „Orchestrasfan fragt Orchestrasvoice #03“ haben wir erläutert, was darunter zu verstehen ist. Christiane Karg wird in einigen Konzerten mit dem Klangkörper aber auch in kammermusikalischer Besetzung zu hören sein. Am Rande der Pressekonferenz, anlässlich der Vorstellung des neuen Programms, hatte ich die Gelegenheit, mit der Sopranistin über diese neue Aufgabe zu sprechen.

Frau Karg, Sie sind in der nächsten Saison Artist in Residence beim hr-Sinfonieorchester. Was für ein Gefühl ist das? Worauf freuen Sie sich am meisten?
Es ist toll und ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit dem Orchester. Ich werde jetzt sehr intensiv neue Musiker kennenlernen und ihnen  übers Jahr verteilt, immer wieder begegnen. Allerdings auch wieder nicht so oft, wie an der Oper. Da triffst du dich mitunter jeden Tag in der Kantine und kannst dich dann irgendwann nicht mehr sehen. Hier ist das so ein Zwischending.

Sie treten ja nicht immer nur mit dem gesamten Orchester auf.
Nein, es sind auch kammermusikalische Projekte dabei. Ich kenne auch schon Kollegen aus dem Orchester und komme nicht in etwas ganz Unbekanntes. Ich weiß schon, was mich erwartet und freue mich sehr darauf.

Wie muss man sich das als Normalsterbliche vorstellen? Ruft da jemand vom hr an und fragt: „Frau Karg möchten Sie unsere Artistin in Residence werden?
Ja, so ähnlich war es tatsächlich. Und dann muss man in den Terminplan schauen. Gerade weil ich viel Oper mache, ist es nicht so einfach, alle Anfragen in einem Jahr unterzubringen. Ein weiteres Projekt ist kein Problem, aber längere Perioden und mehrere Termine im Kalender unterzubringen, kann schwierig werden. Es hat aber alles geklappt, wir haben Möglichkeiten gefunden. Weil ich ab Mai 2014 in Glyndebourne bin, werde ich zwar leider im zweiten Teil der Saison nicht so häufig in Frankfurt sein, aber dafür eröffne ich die neue Saison.

Haben Sie das Programm gemeinsam mit dem hr-Sinfonieorchester abgestimmt?
Ja, ich habe ein paar Vorschläge gemacht. Frau Zietzschmann [hr-Musikchefin und Orchestermanagerin] hat mich nach meinen Vorstellungen gefragt und was ich gerne machen würde. Ich habe ihr eine Repertoireliste geschickt, und sie hat gesagt: „Das und das hätten wir gerne, und das passt zu diesem Dirigenten.“ So ist das Programm eigentlich ganz schnell entstanden.

Was hat Sie gereizt, dieses Angebot anzunehmen?
Ich glaube da an Schicksal. Wenn man so etwas in einer vollen Saison, die man schon geplant hat, noch unterbringen kann und es perfekt zu den Terminen passt, dann muss man es machen. Ich dachte wirklich daran, Frankfurt zu verlassen, und jetzt gibt es einen Grund zu bleiben. Meine Zeit hier ist einfach noch nicht ganz abgeschlossen.

Welche Berührungspunkte hatten Sie bisher mit dem hr-Sinfonieorchester?
Ich habe mit dem Orchester in der Saison 2011/12 schon ein Konzert gegeben. Wenn du in Frankfurt in einem anderen musikalischen Kontext auftrittst, ist es sowohl für die Alte Oper als auch fürs hr-Sinfonieorchester nicht so reizvoll, die Künstler einzuladen, die sowieso schon jede Woche in der Oper auf der Bühne stehen. Die Veranstalter möchten und müssen dem Publikum neue und andere Künstler präsentieren und das finde ich auch richtig. Es können ja nicht immer nur die gleichen Gesichter auf der Bühne stehen. Das ist auch der Vorteil einer großen Stadt wie Frankfurt, die für ihre Größe wirklich ein unglaublich tolles Kulturleben bietet. Man hat hier viele, ganz unterschiedliche Künstler, nicht nur diejenigen, die sowieso schon in der Stadt sind.

Heißt das, wenn Sie noch an der Oper wären, wären Sie jetzt nicht Artist in Residence beim hr-Sinfonieorchester?
Ja, nicht unbedingt.

Gibt es auch einen „kleinen Konkurrenzkampf“ zwischen den Orchestern?
Ja, gibt es schon. Aber Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft. Auch das musikalische. Die Oper Frankfurt wird vielleicht nicht ganz so glücklich darüber sein, dass ich jetzt hier bin. Ich räume dem hr-Sinfonieorchester Exklusivität ein und werde in der nächsten Saison nicht anderswo in Frankfurt auftreten. Ich möchte wirklich für dieses Projekt ganz zur Verfügung stehen. Ich hoffe, dass auch Opernfans in die Konzerte kommen werden. Ich habe mir hier über viele Jahre ein Publikum „ersungen“. Ganz am Anfang war ich am Hamburger Opernstudio und habe dort ganz kleine Partien gesungen, und doch wurde ich nicht vergessen, das Publikum kommt nach wie vor zu meinen Auftritten. In Frankfurt merke ich das jetzt auch. Das Publikum und ich sind zusammengewachsen ist. Es kommt, weil wir einen ganzen Weg miteinander gegangen sind.

Ist das nicht ein völlig anderes Publikum?
Das Konzertpublikum ist sicher ein anderes Publikum als das Opernpublikum. Aber wieso sollen jetzt nicht die Opernfans, die mich gerne auf der Opernbühne erlebt haben, auch mal ins Konzert kommen und sich sagen: „So ein Konzert ist ja auch mal ganz schön.“? Ich glaube, so mischt sich das ganz gut.

Im Unterschied zur Konzertbühne spielen Sie auf der Opernbühne eine Rolle. Als Artist in Residence sind Sie Sie selbst. Wie bereiten Sie sich vor?
Ja, Oper ist natürlich etwas ganz anderes. Deshalb bin ich kein großer Fan von konzertanter Oper. Oper ist ein Gesamtspektakel, wie ins Kino gehen. Man wird durch Maske, Kostüm und Bühnenbild in eine andere Welt mitgenommen, man bekommt eine komplette Geschichte erzählt.  Ein Konzert ist etwas ganz anderes. Nicht besser, nicht schlechter, anders.

Fühlen Sie sich im Konzert dann irgendwie „nackt“?
Ja, im Konzert ist man ganz nackt. Du stehst nicht in Kostüm und Perücke da, die dir jemand aufgesetzt hat, sondern du stehst als du selbst da. Die Kleiderfrage zum Beispiel ist für mich immer total wichtig. Was mache ich für ein Programm? Was ziehe ich an, damit ich dem Programm gerecht werde und trotzdem noch aussehe wie ich selber? Das sind ganz viele Fragen über die man sich Gedanken machen muss – nicht nur über die Stückauswahl. Es ist etwas anderes ob ich die Shéhérazade von Ravel singe, wo ich als Solokünstlerin vorne stehe, oder Die Schöpfung von Haydn, bei der ich Kollegen an meiner Seite habe. Mit den Solostücken, wie ich sie diese Saison beim hr mache, werde mit dem Orchester ganz alleine sein.

Das heißt, in der Oper bekommen Sie vorgegeben was Sie anziehen, was Sie singen, während Sie beim Konzert alleine dastehen?
Ja genau. Und im Unterschied zum Liederabend gibt es bei einem Konzert immer noch einen Dirigenten. Du musst dich ja irgendwie dem Orchester mit 100 Leuten anpassen. In der Oper musst du dich dem Dirigenten, den 100 Leuten im Orchester, dem Chor, dem Regisseur, der Maske, allem Möglichen unterwerfen. Beim Liederabend habe ich lediglich einen Pianisten. Das sind die Unterschiede. Alles ist sehr wertvoll, und alles hat seine Berechtigung, und es ist für mich wichtig, zwischen den Genres zu wechseln.

Sind Sie auch in die Education-Projekte des hr-Sinfonieorchesters involviert? Ist das ein Thema für Sie?
Nein, bis jetzt noch gar nicht. Ich hoffe schon, dass ich mich auch dort einbringen kann. Ich finde die musikalische Unterstützung von Kindern ganz wichtig. An anderen Opernhäusern habe ich gesehen, wie das funktioniert. Ich denke, wir müssen die Jugendlichen unbedingt erreichen damit sie sagen: „Hey, das sind junge Leute. Nur weil sie klassische Musik machen, sind sie nicht altmodisch.“ In diese Richtung wird noch viel zu wenig gemacht. Nach wie vor existiert die Vorstellung ein Opernsänger wiegt 200 Kilo, steht schreiend auf der Bühne und bewegt seine Hände.

Müsste man nicht auch auf Erwachsene zugehen bei denen ein Grundinteresse schlummert?
Auf jeden Fall. Es ist aber bei einem Erwachsenen wahnsinnig schwer, ihn zu gewinnen, wenn er Vorbehalte hat und noch nie in Berührung mit klassischer Musik gekommen ist. Bei einem Kind ist das viel leichter. Gerade im Kindergartenalter oder wenn sie in die Schule kommen sind Kinder für Konzerte und noch mehr für die Oper zu begeistern: Das ist spannend, da passiert auf der Bühne so viel, gerade auch technisch, damit kannst du die Kinder locken, sie begeistern. Wenn du selbst erzählst und für deine Sache brennst, dann überträgt sich das auch auf die Kinder. Ich glaube, da müssen wir anfangen.

Welche Unterschiede gibt es Ihrer Meinung nach zwischen einem Opernorchester und einem reinen Konzertorchester?
Ein Rundfunkorchester spielt mit Mikro. Das merkt man ganz klar. Es wird viel feiner gearbeitet. Die Musikerinnen und Musiker stehen nicht jeden Abend mit einem anderen Programm auf der Bühne. Sie sind nicht immer Begleiter, sie sind vielmehr Solisten. Es sind einfach zwei unterschiedliche Möglichkeiten. So wie Oper und Konzert zwei ganz unterschiedliche Dinge sind, so sind auch Opern- und Sinfonieorchester unterschiedlich. Im Prinzip machen sie zwar das Gleiche aber doch auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Ich freue mich, dass wir hier beim hr-Sinfonieorchester eine viel intensivere Zeit haben werden, uns auf Sachen vorzubereiten.

Waren Sie schon einmal Artist in Residence bei einem anderen Orchester oder einem Festival?
Nein. Ich war zwar schon sehr oft Gast beim NDR Sinfonieorchester, und im vergangenen Jahr habe ich drei Projekte mit dem Bayerischen Rundfunk gemacht, aber ich war noch nirgends als Artist in Residence. Es ist eine Premiere, und ich freue mich sehr, dass sie in Frankfurt stattfindet.

Vielen Dank für das Interview Frau Karg!

 

Autor: Orchestrasfan

Ulrike Schmid, im Hauptberuf PR-Specialistin schreibt hier unentgeltlich als Fan des hr-Sinfonieorchesters und anderer Orchester über klassische Musik und Konzerte aus Sicht eines Laien. Von 2014 bis 2017 hat sie als PR-Referentin für den Hessischen Rundfunk gearbeitet. Die hier formulierten Äußerungen sind rein privater Natur und nicht mit dem Orchester(-management) abgestimmt.

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