Wahre FansNicht nur bei Fußballclubs. Auch Orchester haben Fans

Menschen aus meiner Timeline: @WDRSOfan

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Nicht nur Fußballclubs, auch Orchester haben Fans.

Nicht nur Fußballclubs, auch Orchester haben Fans.

Die Freundschaft zu WDRSOfan aka Birgit Schmidt-Hurtienne, auch als KuWiWege bekannt, könnte man auch als „Geschichten, die das Leben schreibt“, umschreiben. Unsere erste Begegnung fand auf der stARTconference 2009 statt. Seither haben wir uns nicht mehr aus den Augen verloren. Entstanden ist eine Freundschaft, die über eine „Twitter- und Facebook-Freundschaft“ hinausgeht.

So von „Fan zu Fan“ sind wir allerdings erst seit Anfang diesen Jahres verbandelt. Sie nimmt rege Anteil an meinen Aktivitäten und meinem Musikgeschmack.

Sie bloggt als WDRSOfan über die Konzerte des WDR Sinfonieorchesters Köln und hält Erlebnisse, Gedanken und Fundstücke vom Wegesrand der klassischen Musik fest.

Birgit, du gibst dich mit deinem Namen und Profilbild bei Twitter ganz klar als Fan des WDR Sinfonieorchesters zu erkennen. Weshalb gerade dieses Orchester?

Das ist eine lange Geschichte. Wie viel Zeit hast du? ;-) Es fing alles damit an, dass ich mir während meines musikwissenschaftlichen Studiums vor – ähem – mehr als einem Vierteljahrhundert immer die sonntäglichen Konzertsendungen des damaligen Kölner Rundfunk Sinfonieorchesters (KRSO) im Fernsehen angeschaut und oft seine Konzerte besucht habe. Gegen Ende des Studiums bin ich dem Orchester dann zunächst während eines Praktikums im Notenarchiv des WDRs und im Anschluss ans Studium als Archiv- und Dokumentationssachbearbeitern daselbst noch nähergekommen. Seitdem bin ich ihm verfallen ;-) Was mich am WDRSO besonders fasziniert, ist seine Flexibilität, mit der es eine riesige Bandbreite an Repertoire von früher Klassik bis hin zu zeitgenössischer Musik abdeckt.

Welche Beziehung hast du generell zur klassischen Musik? Ist sie eher beruflicher oder privater Natur?

Sowohl als auch. Sie begann privat und wurde mit Beginn des Studiums beruflich. Nach dem Studium blieb das allerdings zunächst nur kurz so, weil mich mein Weg für längere Zeit in ganz andere Bereiche führte, unter anderem in die Medien- und Verlagsbranche. Über die neuen Medien fand die klassische Musik mittlerweile aber auch wieder beruflich in mein Leben zurück. Seit 2009 beschäftige ich mich sehr intensiv mit den Möglichkeiten, die das Social Web Kultureinrichtungen und speziell Orchestern bietet, auf unkomplizierte Weise Kontakt zum Publikum zu knüpfen und auf eine ganz neue Art Einblicke in die Orchesterarbeit zu vermitteln. Seit der Konzeption und Organisation der KultUp-Kultur-Tweetups beim hr-Sinfonieorchester und beim Theater Heilbronn im letzten Jahr – an denen du ja nicht ganz unbeteiligt warst ;-) – und anderer Musikvermittlungsprojekte ist meine Beziehung zur klassischen Musik auch wieder beruflicher Natur und ich freue mich sehr, dass sich damit ein Kreis geschlossen hat.

WDRSOfan aka Birgit Schmidt-Hurtienne | Foto: © WDR/Simin Kianmehr

WDRSOfan aka Birgit Schmidt-Hurtienne | Foto: © WDR/Simin Kianmehr

Was bedeutet dir klassische Musik?

Große Gefühle. Egal in welcher Stimmung ich bin, es gibt den passenden klassischen „Soundtrack“ dazu. Da ist von ganz oben bis ganz unten auf der Gefühlsskala alles dabei. Beim Hören klassischer Musik, meist von Sinfonien, erlebe ich zum Beispiel oft Momente, in denen mich die Musik von jetzt auf gleich vollkommen packt und ein freudiges Kribbeln im Bauch verursacht oder mich zu Tränen rührt. Wie Klaus Lage es so schön besungen hat: Auf einmal macht es „Zoom“ und haut mich um. Grandios sind auch die Momente, wo die Musik im Livekonzert „abhebt“. Wenn plötzlich Orchester, Dirigent und Publikum im Gleichklang sind und alle spüren, dass dies ein ganz besonderer Moment ist, an dem die Musik unmittelbar wirkt, ohne dass man irgendetwas von ihr „verstehen“ muss. Diese Unmittelbarkeit finde ich immer wieder faszinierend.

Welche anderen Musikrichtungen hörst du sonst noch?

Jazz, deutschen Jazz-Schlager (bevorzugt von meinen Favoriten Geschwister Pfister und Götz Alsmann) und ab und zu darf es auch – ganz wie bei meinen Bekleidungsvorlieben – Rock sein ;-) Kurzum: Musik, die von Herzen kommt, höre ich immer gerne, egal welcher Richtung.

Wie und wann hörst du klassische Musik?

Am liebsten und häufigsten höre ich Konzerte live, sonst im Radio oder via Livestream/Liveweb.

Gibt es etwas, das dich total nervt am „klassischen Musikbetrieb“?

An dieser Frage habe ich wirklich sehr lange herumgekaut. Natürlich könnte ich dir spontan eine lange Liste an Dingen nennen, die mich als Klassikliebhaberin und regelmäßige Konzertgängerin nerven. Andererseits weiß ich, was alle am „klassischen Musikbetrieb“ Beteiligten leisten und was es bedeutet, einen solchen Betrieb aufrechtzuerhalten.

Mich nervt allerdings viel mehr, dass der politische und gesellschaftliche Rückhalt für Kultur im Allgemeinen und klassische Musik im Besonderen immer mehr schwindet oder schon gänzlich fehlt. Dabei leistet der „klassische Musikbetrieb“, allen voran die Orchester und hier vor allem das „musikalische Fußvolk“, mit Education-Programmen mittlerweile eine äußerst umfangreiche zusätzliche Arbeit, deren immenser Wert von der Gesellschaft allerdings kaum noch erkannt wird. Obwohl die Vorteile von musikalischer Bildung hinlänglich bekannt sind und eine Vernachlässigung oder gar gänzliches Fehlen gesellschaftliche Konsequenzen zeitigt. Musikalisches Grundwissen, das in den Schulen oder privat nicht mehr gelehrt wird, muss im „klassischen Musikbetrieb“ aufgeholt werden, damit ein zukünftiges Publikum überhaupt (aktiven) Zugang zur Musik finden kann. Orchester(musikerInnen) leisten in meinen Augen zusätzlich zu ihrer regulären Arbeit einen großen gesellschaftlichen Dienst, sie stehen aber als Erstes zur Disposition, wenn es um Sparmaßnahmen geht. Die (politischen) Diskussionen, die sich dann darum entspinnen, ob man sich heutzutage noch eine solche Orchesterlandschaft – ein Kulturgut allerersten Ranges – leisten kann, die nerven mich nicht nur, die bringen mich regelrecht aus der Fassung.

Gibt es Werke oder Stilrichtungen, die du dir absolut nicht anhörst? Wenn ja, welche und warum?

Hahaha, meine Follower wissen, was jetzt kommt und können es schon im Chor singen: Ich höre Opern nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Wobei auch hier einige wenige Ausnahmen die Regel bestätigen.

Wie bist du zur klassischen Musik gekommen?

Hüpfenderweise als Kleinkind in der rhythmischen Früherziehungsgruppe der städtischen Musikschule und dann über die „klassische“ Laufbahn vom Blockflötenunterricht über Kinderchor, Jugendchor und Geigenunterricht. Außerdem hatte ich in jungen Jahren neben meinen Musiklehrerinnen und -lehrern an der Schule und Musikschule auch noch einen anderen „Lieblingslehrer“, der mich für klassische Musik begeistert hat. Ich erinnere mich noch sehr gut und ebenso gerne, wie ich an seinen Lippen geklebt habe, obwohl der Unterricht immer am Sonntagmorgen stattfand. Leider nicht live, sondern im Fernsehen, wo seinerzeit (ich glaube vom WDR) Leonard Bernsteins öffentliche Vorlesungsreihe „The Unanswered Question: Six Talks at Harvard“ gesendet wurde, die er 1973/74 im Rahmen der Charles-Eliot-Norton-Lectures hielt. Wie kaum ein anderer hat er den Unterrichtsstoff mit Leben erfüllt und meine Begeisterung geweckt.

Wer Bernsteins Norton Lectures nicht kennt, wird bei YouTube fündig, empfehlen kann ich jede einzelne von ihnen.

Kannst du dich noch an deinen ersten Konzertbesuch erinnern? Wie war er?

An meinen ersten Konzertbesuch als Zuhörerin kann ich mich nicht erinnern, das fällt mir jetzt zum ersten Mal auf. Da ich selbst Geige gespielt habe, erinnere ich mich allerdings an Konzerte, bei denen ich mitgewirkt habe, zum Beispiel durfte ich als schätzungsweise 14-Jährige mit dem Musikschulorchester Düren einen sehr begabten jungen Mitschüler begleiten, den Pianisten Lars Vogt. Lustigerweise erinnere ich mich allerdings noch sehr gut an meinen ersten Besuch in der Oper. Mit der Schule haben wir begleitend zum Musikunterricht eine Vorstellung der „Zauberflöte für Kinder“ an der Oper Köln besucht. Die Aufführung hat mich nachhaltig beeindruckt und ich habe heute noch die völlig abgenudelte Schallplatte mit der wunderbaren Lucia Popp als Königin der Nacht.

Liebe Birgit, vielen Dank für deine ausführlichen Antworten!

Autor: Orchestrasfan

Ulrike Schmid, im Hauptberuf PR-Beraterin schreibt hier unentgeltlich als Fan des hr-Sinfonieorchesters und anderer Orchester über klassische Musik und Konzerte aus Sicht eines Laien. Seit April 2014 arbeitet sie als PR-Referentin beim Hessischen Rundfunk. Die hier formulierten Äußerungen sind rein privater Natur und nicht mit dem Orchester(-management) abgestimmt.

Ein Kommentar

  1. Sehr gern geschehen, liebe Ulrike! Danke dir, dass ich bei deiner interessanten Interviewreihe dabei sein konnte.

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