Was macht eigentlich eine …?

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… Notenkorrektorin

Im „Etwas anderen Interview – Orchestrasfan fragt Orchestrasvoice“ vom vergangenen Samstag (6. September 2014) ging es um das Thema Notenmaterial. Dabei fiel auch der Begriff Notenkorrektorat. Doch was versteht man darunter?

Wie gut, dass Birgit Schmidt-Hurtienne (aka Kulturwirtschaftswege und WDRSOfan) als Musikwissenschaftlerin über entsprechende Kenntnisse und Erfahrungen verfügt. So habe ich bei ihr nachfragen können und spannende Einblicke erhalten.

Birgit Schmidt-Hurtienne

Birgit Schmidt-Hurtienne

Was muss ich mir unter Notenkorrektorat und Notenkopistentätigkeit vorstellen?

Unter dem Begriff Notenkopistentätigkeiten sind Arbeitsschritte zusammengefasst, die erforderlich sind, um Notenmaterial zu erstellen und/oder für ein Konzert spielbar zu machen. Dazu gehört – ganz im wörtlichen Sinn – das Kopieren von Noten, aber auch das Korrigieren von Fehlern und das sogenannte Einrichten von Orchestermaterial, bei dem unter anderem die Spielanweisungen des jeweiligen Dirigenten in jede Stimme eingetragen werden.

Die Kopistentätigkeiten stammen aus Zeiten, in denen es keine andere Möglichkeit der Vervielfältigung von Literatur oder Noten gab, als sie mit der Hand abzuschreiben. Eine Sinfonie von Mozart konnte zum Beispiel nur aufgeführt werden, wenn die Stimmen für die einzelnen Musiker zuvor aus der Partitur herauskopiert, sprich abgeschrieben, wurden. Über diese reine Kopiertätigkeit hinaus, war es durchaus üblich, Kopisten, die meistens selber Musiker waren, auch mit kompositorischen (Hilfs-)Aufgaben zu betrauen: Zum Beispiel die Begleitstimmen zur komponierten Melodie nach den Regeln des Tonsatzes zu ergänzen oder die Orchestrierung der Komposition, das heißt die Verteilung der Melodie auf einzelne Orchesterstimmen, auszuarbeiten.

Daher waren und sind musiktheoretische und spieltechnische Kenntnisse für die Tätigkeit als Notenkopist unabdingbar. Nicht nur für Transpositionsaufgaben, in denen zum Beispiel eine Singstimme in eine höhere oder tiefere Tonart übertragen werden soll. Selbst bei vermeintlich einfachen Aufgaben, wie dem Herauskopieren (= Abschreiben) von Einzelstimmen aus einer Partitur reicht es nicht, die Noten irgendwie auf das leere Notenblatt zu schreiben, denn die Stimmen müssen auch gut les- und spielbar sein. Dazu ist es erforderlich, bereits im Vorfeld abzuschätzen, wie viele Takte der jeweiligen Stimme so auf die Seite passen, dass der Musiker oder die Musikerin sie ohne Anstrengung lesen kann und genug Zeit hat, am jeweiligen Seitenende umzublättern.

Bis zum Erscheinen von Notensatz-Computerprogrammen, die in dieser Hinsicht heutzutage eine große Hilfe sind, erforderte dieses handschriftliche Kopieren neben einer gut leserlichen Handschrift vor allem sehr viel Erfahrung, um zügig brauchbare Ergebnisse erzielen zu können. In einigen Fällen kann es allerdings auch heute noch erforderlich sein, Stimmen handschriftlich zu kopieren. Zum Beispiel bei Auftragskompositionen Neuer Musik. Oft finden sich hier spezielle Notierungszeichen des Komponisten, die angeben, wie bestimmte Töne oder Passagen gespielt werden sollen. Zum Teil sind diese Notierungen so komplex, dass die Stimmen schneller von Hand ausgeschrieben als mit dem Computer gesetzt werden können.

Wie bist du auf die Idee gekommen, Notenkorrektorat als Dienstleistung anzubieten?

Ich habe diesen Beruf während meines Studiums der Musikwissenschaft kennengelernt, als ich ein Praktikum im Notenarchiv des Westdeutschen Rundfunks absolvierte, wo ich anschließend auch gearbeitet habe. Beim WDR sorgt neben den Mitarbeitern, die die vier Klangkörper (Funkhausorchester, Sinfonieorchester, Chor und Big Band) betreuen, auch ein festangestellter Notenkorrektor dafür, den Musikern spielbares Notenmaterial zur Verfügung zu stellen und reibungslose Produktionsabläufe zu gewährleisten. Da die hierfür erforderlichen Arbeiten, wie zum Beispiel das Eintragen von Spielanweisungen in die Einzelstimmen – das Einrichten des Materials – sehr zeitaufwändig sind, beauftragt der WDR hiermit externe Notenkopisten, zu denen ich mich, als seinerzeit Bedarf nach weiteren Kräften bestand, schließlich selbst gesellt habe.

Wie müssen wir uns so einen Arbeitsalltag vorstellen? Hältst du Rücksprache mit dem Konzertmeister oder gar dem Komponisten bei Neukompositionen?

Nein, diese Absprachen erfolgen alle im Vorfeld. Ich bekomme entweder die Partitur mit den Einzeichnungen des Dirigenten und/oder je eine vom Konzertmeister oder Stimmführer eingerichtete Streicherstimme, deren Einzeichnungen ich dann in das komplette Orchestermaterial übertrage.

Je nach Werk und vorliegendem Notenmaterial sind auch Aufgaben wie das Eintragen von Taktzahlen erforderlich, die zum Beispiel in einigen wiederentdeckten Dvorak-Opern völlig fehlen, oder das Hinzufügen von sogenannten Dirigier- oder Probenziffern. Letztere können die Probenarbeit immens erleichtern, denn sie verhindern, dass alle Musikerinnen und Musiker die Takte in ihren Stimmen abzählen müssen, um gemeinsam in einem bestimmten Takt einsetzen zu können. Um das Notenbild übersichtlich zu halten sind die Taktzahlen nicht fortlaufend über jedem einzelnen Takt notiert, sondern werden zum Beispiel nur am Anfang einer Zeile angegeben. Ab dieser Zahl gilt es dann bis zum gewünschten Takt vor- oder zurückzuzählen. Probenziffern, an markanten Stellen gesetzt, ermöglichen dagegen einfache Ansagen wie: „Bitte ab Ziffer vier (oder Buchstabe C) spielen“, unabhängig davon, in welchem Takt sich dieser Einsatz befindet.

In manchen Instrumentenstimmen ist es auch sinnvoll, lange Pausenangaben mit zusätzlichen Informationen zu versehen. Um nach der Pause an der richtigen Stelle wieder einzusetzen, müssen die angegebenen Pausentakte ja vom Musiker mitgezählt werden, wobei man sich bei Pausen von mehr als 20 oder 30 Takten leicht verzählen kann. In solchen Fällen kann die Eintragung von sogenannten Stichnoten eine große Hilfe sein. Diese Stichnoten sind Noten in Miniaturform, die anzeigen, welche Kollegen vor dem eigenen Einsatz spielen. Anhand einer solchen Eintragung kann eine Cellistin zum Beispiel erkennen, dass zwei Takte vor dem Ende ihrer Pause die 2. Flöte spielt, kann diese Passage anhand der Stichnoten mitverfolgen und sich vor ihrem Einsatz daran orientieren.

Die Notenblätter sind ja teils auch schon durch mehrere Musikerhände gewandert, ehe du Korrekturen vornimmst. Erzählen sie Geschichten?

Ja, eingerichtetes Notenmaterial erzählt sehr viele Geschichten und ist auch für die musikwissenschaftliche Forschung eine wahre Fundgrube, denn nur durch diese Einzeichnungen sind ja unterschiedliche Interpretationen desselben Musikwerks überhaupt möglich. Sofern auf dieselbe Ausgabe des zugrunde liegenden Notentextes zurückgegriffen wird, können Dirigenten ja nur durch individuelle Spielanweisungen eigene Akzente setzen. Diese können, um nur ein Beispiel zu nennen, durch die Gestaltung der Bogenstriche erreicht werden, denn bei Streichinstrumenten erzeugt schon die Änderung der Strichrichtung – zum Beispiel aufwärts (Aufstrich) statt abwärts (Abstrich) – eine merkliche Änderung des Klangs einer Passage. Auch die Unterteilung eines achttönigen Melodiebogens, mit einem Auf- oder Abstrich gespielt, in zwei mal vier Töne, verteilt auf je einen Auf- und Abstrich, kann das Klangergebnis verändern. Insofern bilden alle diese Einzeichnungen einen Metatext, der wie eine Regieanweisung zur Konzertaufführung gelesen werden kann.

Neben den vom Dirigenten gewünschten Einzeichnungen tragen die Musiker weitere Informationen in ihre Stimmen ein, die ihnen selbst oder krankheitsbedingt einspringenden Vertretungen, falls sie das Stück ohne Probe vom Blatt spielen müssen, an kritischen Stellen wertvolle spieltechnische Hinweise geben. Immens wichtig sind – nicht nur für einspringende Kollegen – zum Beispiel Angaben zum Schlagtempo. Manche Passagen im 4/4-Takt werden im doppelten Tempo, in sogenannten „Halben“ oder auch „alla breve“ gespielt. Fehlt hier die entsprechende Vortragsbezeichnung in der Stimme, spielt der Musiker nur halb so schnell wie der Rest des Orchesters.

Als klassische Einzeichnung an kritischen Stellen gilt auch der „Totenkopf“, der immer dann eingezeichnet wird, wenn man Gefahr laufen könnte, eine Generalpause, in der das ganze Orchester nicht spielt, zu übersehen. Eine solche Stelle gibt es zum Beispiel in der Symphonie No. 101 „Die Uhr“ von Joseph Haydn: Im „Trio“ des 3. Satzes ist in Takt 148 eine Generalpause (G.P.) zu „hören“.

Markierter Totenkopf

Markierter Totenkopf

Da man diese Pause im Notenbild leicht übersehen kann, wird unter diesem Takt, wie im Beispiel zu sehen, gesondert G.P. notiert bzw. ein Totenkopf eingezeichnet, damit man nicht Gefahr läuft, in diese Pause mit einem unfreiwilligen „Solo“ hineinzurasseln.

Mir sind in Streicherstimmen mit schwartenähnlichem Umfang, in denen die zweiten Geigen über mehrere Seiten endlose Begleitfloskeln zu spielen haben, aber auch schon ganze Bildergeschichten begegnet, in denen ein vor Erschöpfung zusammengebrochener Geiger von Sanitätern auf eine Trage geladen und mit dem Krankenwagen abtransportiert wird. Ähnlich bezeichnend, wenn auch weniger drastisch, wird die vorletzte Seitenzahl von umfangreichen Stimmen gerne mit einer Sonne als Zeichen für das nahende „Licht am Ende des Tunnels“ geschmückt.

Musst du die Korrekturen händisch vornehmen oder gibt es dafür mittlerweile auch Computerprogramme?

Die Einrichtung von Orchesternotenmaterial kann nur per Hand vorgenommen werden und sollte auch ausschließlich mit einem weichen Bleistift erfolgen, der sich möglichst leicht und rückstandsfrei wieder entfernen lässt, denn während der Probenarbeit kann es ja noch zu Änderungen der Spielanweisungen kommen. Deshalb lernt jeder angehende Musiker – bestenfalls schon im Vororchester der Musikschule –, dass zu Orchesterproben nicht nur das Instrument, sondern immer auch Bleistift und Radiergummi mitzubringen sind. Das klappt natürlich nicht immer und sorgt bei Proben dann oftmals für gehörige Unruhe, wenn das große Bleistiftausleihen beginnt. Abgesehen davon gehen die Vorstellungen über einen weichen Bleistift auch meilenweit auseinander, was ich dann zu spüren bekomme, wenn ich alte, mit hartem Bleistift eingetragene, Einzeichnungen entfernen muss, ohne dem Papier größeren Schaden zuzufügen. Besonders ärgerlich ist das natürlich bei Leihmaterial, das nach der Aufführung ohne Einzeichnungen wieder an den Verlag zurückgeschickt werden muss. Falls Musiker mitlesen, ein kleiner Tipp am Rande: Ein Bleistift mit Härtegrad 5B ist zum Beispiel wirklich weich und lässt jedes Archivar- und Notenkopistenherz höher schlagen ;-)

Beim Ausschreiben von Orchesterstimmen, was im klassischen Bereich bei Neuer Musik oder im Bereich der Unterhaltungsmusik bei Big-Band-Arrangements erforderlich wird, wird aber selbstverständlich und liebend gerne die Unterstützung von Kollege Computer angenommen.

In einer losen Folge möchte ich Berufe und Funktionen „hinter dem Orchester“ vorstellen. Denn ohne sie gäbe es kein Programm(-heft), keine Notenständer auf der Bühne, keine Radioübertragung und auch manch Anderes nicht.

 

Autor: Orchestrasfan

Ulrike Schmid, im Hauptberuf PR-Specialistin schreibt hier unentgeltlich als Fan des hr-Sinfonieorchesters und anderer Orchester über klassische Musik und Konzerte aus Sicht eines Laien. Von 2014 bis 2017 hat sie als PR-Referentin für den Hessischen Rundfunk gearbeitet. Die hier formulierten Äußerungen sind rein privater Natur und nicht mit dem Orchester(-management) abgestimmt.

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